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Wie ich mich in 3 Jahren Jazz entwickelt habe

Überschrift ,,Was man durch Jazzgitarre lernen kann" im Stile des Covers des Real Book mit schwarzer Schrift auf beigem Hintergrund. Alles wird umrahmt von einer dickeren und einer dünneren Umrandung.

Mein Video zum Thema Jazzakkorde hat mich wieder an meine Vergangenheit erinnert. Damals habe ich drei Jahre lang Jazzgitarre gelernt und möchte dir in diesen Artikel gerne erzählen, was mir das gebracht hat. Nicht weil ich denke, dass Jazz das ,,einzig Wahre“ ist und dies die einzige Möglichkeit ist, als Musiker Fortschritte zu machen. Viel eher will ich dir aufzeigen, welche Vorteile es haben kann, sich mit solch komplexen Stilen und Themen zu beschäftigen. Und egal womit du dich beschäftigst, es wird sicher Vorteile für dich und dein Spiel haben.

 

Ich habe mit Jazz angefangen, weil ich Musik studieren wollte. Zugegebenermaßen habe ich diese Stilistik vor allem deswegen gewählt, weil ich nunmal lieber E- als klassische Gitarre spiele und zum damaligen Zeitpunkt nicht wusste, dass es auch die Möglichkeit gibt, Popmusik zu studieren – wenn auch an weniger Hochschulen. Natürlich sind das musikalisch gesehen nicht die besten Gründe und Jazz war damals komplettes Neuland für mich. Ich bereitete mich also auf die Eignungsprüfung vor und hatte Unterricht bei Frank Haunschild, damals und vermutlich auch heute noch Professor der Jazzabteilung der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Letztendlich habe ich aber aus persönlichen Gründen nicht studiert. Oft habe ich es bereut, aber inzwischen denke ich, dass eine Karriere als Jazzgitarristin mich nicht glücklich gemacht hätte. Es ist also besser so, wie es jetzt ist.

 

Dennoch habe ich durch meine Beschäftigung mit dem Jazz viel gelernt. Beispielsweise habe ich dadurch mit Gehörbildung angefangen und meine Ohren enorm geschult. Vorher konnte ich zwar Songs nach Gehör spielen, aber Gehörbildung hat das Ganze nochmal auf eine höhere Stufe gehoben. Nun höre ich bewusster, weiß, was für Intervalle, Akkorde oder Techniken gespielt werden oder kann das schnell für mich herausfinden, weil ich ahne, wohin es geht. Ich erkenne Zusammenhänge, Parallelen zu anderen Songs und Konzepte, die oft verwendet werden. Dadurch kann ich nicht nur komplexere Songs transkribieren und dann auch ausnotieren, sondern auch mehr für mich und mein Spiel daraus ziehen. Natürlich kann ich auch Ideen, die ich in meinem Kopf höre oder zufällig beim Spielen entwickle, schneller ausnotieren, weil ich den Rhythmus kenne. So muss ich im Notationsprogramm nicht ewig mit Notenwerten jonglieren, bis ich das gefunden habe, was mir vorschwebt. Das ist natürlich enorm hilfreich.

 

Ich habe durch Jazz auch sehr viel zum Thema Musiktheorie gelernt. Auch wenn dir das jetzt auf den ersten Blick vielleicht langweilig erscheint, aber für mich hat sich dadurch viel verändert und verbessert. Damals habe ich mir anfangs die Kirchentonarten und Noten lesen selbst beigebracht, um die komplexere Theorie des Jazz zu verstehen. Im Unterricht habe ich dann neue Skalen gelernt wie z.B. Harmonisch Moll, von der ich vorher nie was gehört hatte. Heute mag ich den Klang der Skala immer noch und ich nutze sie gerne. Doch noch bahnbrechender war für mich, dass ich so viel über Akkorde, Akkordaufbau und Stimmführung gelernt habe. Durch dieses Wissen bin ich nun in der Lage, Akkorde in verschiedenen Lagen und Umkehrungen überall auf dem Griffbrett zu finden und Akkordfolgen zu entwickeln, in der die Akkordvoicings nah beieinander liegen und ich nicht zum Wechseln über’s ganze Griffbrett springen muss. Natürlich ist das auch klanglich sehr viel besser, da ich große Intervallsprünge vermeide. Genauso hilft mir mein Wissen über Akkordaufbau, Arpeggios zu finden. Dadurch entwickle ich mich nach und nach vom Pentatonikgedudel hin dazu, dass ich beim Improvisieren vor allem Akkordtöne und ein paar Modi der entsprechenden Tonart nutze. Auch das ist klanglich wesentlich ansprechender.

 

Meine Zeit als Jazzer hat mich auch disziplinierter gemacht, was das Üben angeht. Ich habe davor schon immer mal Übungspläne entwickelt, aber mich nie langfristig daran gehalten. In Vorbereitung auf die Eignungsprüfung habe ich mir jeden Tag einen Übungsplan erstellt und genau aufgeschrieben, woran ich arbeiten wollte und das dann auch getan. Und bis heute habe ich meine tägliche Routine und plane jeden Tag, was ich üben möchte bzw. sollte. Ich muss dir hoffentlich nicht erklären, wie wichtig regelmäßiges und gezieltes Üben für deinen musikalischen Fortschritt ist. Kontinuität ist alles und bewusst und fokussiert zu üben bringt dich jeden Tag ein Stück weiter. Anders, als nur das zu spielen, was du gut kannst und einfach nur ,,rumzududeln“.

 

Außerdem habe ich damals gelernt, dass man nicht sechs Stunden am Tag üben muss, so wie ich das getan habe. Wenn du weißt, worauf du dich fokussieren willst, woran du arbeiten solltest und was du erreichen möchtest, kannst du das auch in weniger Übungszeit unterbringen. Und das nimmt natürlich Druck raus und macht die Sache wesentlich entspannter, als wenn man denkt, man MÜSSE unzählige Stunden am Tag üben, wenn man Profimusiker sein möchte. Tatsächlich würde ich heute gerne mehr als 1-2 Stunden täglich üben. Einfach, weil Spielen mir so viel Spaß macht und es so viele Dinge gibt, die mich interessieren und die ich dazulernen möchte. Aber ich schaffe das zeitlich nicht oder nur selten.

 

Was mein Spiel ebenfalls enorm beeinflusst hat, war die Tatsache, dass Frank Haunschild, ein renommierter und fantastischer Jazzgitarrist, meinen Fokus mehr auf das Thema Rhythmusgitarre und Liedbegleitung gelenkt hat. Wie viele andere auch, habe ich mich vorher vor allem auf Leadgitarre konzentriert und ich wollte Soli spielen. Er gab mir den Rat, an meiner Begleittechnik zu arbeiten, auch mal das Plektrum wegzulassen und Fingerstyle zu spielen und verschiedene Stilistiken wie Blues und Funk auszuprobieren. Und das hat meine Rhythmusarbeit enorm verbessert. Inzwischen haben Rhythmus- und Leadgitarre für mich den gleichen Stellenwert und ich arbeite zu gleichen Teilen an beiden Skills. Und dadurch habe ich wiederum das Gefühl, eine vollständigere Gitarristin zu sein, als wenn ich nur eins von beidem könnte.

 

Wie du siehst, habe ich durch den Jazz sehr viel gelernt und große Fortschritte gemacht. Ich bin dadurch musikalisch und auch persönlich reifer geworden und gewachsen. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich das für mich realisiert habe, aber inzwischen erkenne ich das jeden Tag wenn ich übe und Zusammenhänge sehe. Außerdem bin ich disziplinierter und auch demütiger geworden, denn ehrlich gesagt habe ich die Jahre davor nicht allzu viel an meinen Fähigkeiten gearbeitet. Ich habe mich lieber auf andere (unwichtigere 😉 ) Dinge konzentriert, Dinge als selbstverständlich hingenommen und mich auf meinen musikalischen Fähigkeiten ausgeruht, die ich zu dem Zeitpunkt hatte. Diese waren nicht schlecht und gut für das, was ich in meinen damaligen Bands gemacht habe, aber eben auch nicht alles, was ich aus mir herausholen konnte. Inzwischen nehme ich jeden Job ernst, übe intensiv für ausnahmslos jeden Gig und jede Aufnahme. Und ich weiß, dass ich mich immer verbessern kann und möchte das auch. Heute bin ich sicherlich keine Jazzgitarristin, da ich diese Musik nie wirklich gefühlt habe, auch, wenn ich für mich gerne ein paar Einflüsse daraus nutze. Aber ich habe die richtige Einstellung und Hingabe um mich konstant weiterzuentwickeln und zu verbessern, meiner Leidenschaft nachzugehen und Berufsmusikerin zu sein.

 

Vielleicht ist dieser Artikel ja ein kleiner Denkanstoß für dich und du reflektierst über deine Einstellung und deinen musikalischen Fortschritt. Natürlich solltest du nichts tun, von dem andere sagen, es wäre ,,richtig“ oder dass du nur dadurch ein ,,richtiger Musiker“ wirst. Aber wenn du mal über deinen Tellerrand schaust, dich mit komplexen Themen auseinandersetzt , dir Herausforderungen suchst und jede Möglichkeit nutzt, von anderen zu lernen, wirst du ganz bestimmt ein besserer Gitarrist. Und selbst wenn du irgendwann merkst, dass ein Thema doch nichts für dich ist, hast du sicher etwas daraus gelernt, was du für deinen Stil nutzen kannst. Ich hoffe also, dass du etwas von meinen hier beschriebenen Erfahrungen auf dich und dein Spiel übertragen kannst.

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