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Warum üben wir eigentlich?

Über’s Üben kann man viel reden und philosophieren. Eins ist klar: wenn du Gitarre spielen können möchtest, MUSST du üben. Doch dabei ist es auch wichtig, dass du weißt, warum. Also was das Üben allgemein bringt und was du persönlich damit erreichen willst. Denn erst wenn du dir über beides bewusst bist, weißt du auch, wie viel und was du üben musst.

 

Wenn du übst, trainierst du deine Fingerfertigkeit, genauer: Geschwindigkeit, Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer. Du verbesserst dein Muskelgedächtnis, sodass deine Finger mit der Zeit ganz von allein über’s Griffbrett wandern und du völlig mühelos spielen kannst. Und das alles beginnt schon mit den ersten Akkorden, die du lernst denn je besser du die Griffe und Wechsel beherrschst, desto flüssiger spielst du und kannst das Gelernte auch auf neue Songs anwenden, die du dann wesentlich schneller lernst. Einzelne Akkorde und Akkordwechsel wiederholen sich nunmal häufig in verschiedenen Liedern und so wirst du bestimmte Muster immer wiedererkennen. Je länger du spielst, desto mehr arbeitest du dann auch an bestimmten Spieltechniken und auch DEINER Technik. Hier solltest du vor allem darauf achten, was du wirklich brauchst, um dich auszudrücken und was sich gut für dich anfühlt. Denn wozu willst du dich mit einer Technik abmühen, die du dann nicht in dein Spiel integrieren kannst? Du wirst eigene Möglichkeiten finden, Dinge zu spielen und deinen Stil entwickeln, sofern du dir das erlaubst (und das solltest du!). Diese Zeit kann viele Jahre dauern, je nachdem, wie oft und wie lange du üben kannst. Manche sprechen gern von der 10.000 Stunden-Regel: man muss etwas 10.000 Stunden lang geübt haben, bevor man es wirklich frei und sicher umsetzen kann. Natürlich ist das ein eher willkürlicher Wert, aber die Aussage ist: übe viel...verdammt viel ;) . Hier liegt der Schlüssel vor allem darin, täglich etwas zu machen, denn so bleiben deine Finger beweglich und dein Kopf bekommt jeden Tag ein wenig Input, den er verarbeiten und verstehen kann. Das bringt dir mehr als ein oder zwei Mal die Woche alles auf einmal zu machen und das dann nicht richtig verarbeiten zu können.

 

Das Ziel ist, dass du etwas so intensiv und bewusst geübt hast, dass du es in dein Spiel integrieren kannst, ohne darüber nachzudenken. Dass es einfach passiert, während du improvisierst und dir alles, woran du gearbeitet hast, zur freien Verfügung steht. Denn dann kannst du wirklich das ausdrücken, was du auch ausdrücken möchtest, mit Gefühl spielen. Dieser Zeitpunkt ist nicht zwangsläufig erst dann erreicht, wenn du alle Techniken beherrschst, die du brauchst. Wenn du schon ein oder zwei Dinge in deiner Werkzeugpalette hast, sie dir zu eigen gemacht hast, kannst du damit schon frei spielen und dich in der Musik verlieren. Und je mehr du deiner Werkzeugpalette hinzufügst, desto variabler und ausdrucksstärker wird dein Spiel. Und mit der Zeit erreichst du ein Gefühl der Grenzenlosigkeit, weil du nun sofort umsetzen kannst, was du in deinem Kopf hörst. Der Begriff ,,Grenzenlosigkeit“ ist hier natürlich nicht ganz optimal, denn jeder hat Grenzen und Dinge, die man einfach nie richtig beherrschen wird. Aber diese zu akzeptieren gehört genauso dazu, denn dann weißt du auch, was du eher vernachlässigen solltest um mehr Zeit in das zu stecken, was du für deinen Stil brauchst.

 

Mit der Zeit fügen sich außerdem alle Teile, an denen du bisher gearbeitet hast, zu einem Bild zusammen. Nach und nach erkennst du Zusammenhänge und die bereits erwähnten Muster, verstehst wie gewisse Dinge funktionieren und warum. Und dann ist alles klarer und nicht mehr so überfordernd, denn der Haufen an einzelnen Teilchen wird zu einem Ganzen. All die Theorie ist für dich so selbstverständlich, dass du sie variieren und für deine Zwecke einsetzen kannst, ohne an ihr zu klammern. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass solche Aha-Momente, in denen man Zusammenhänge erkennt, wirklich beflügelnd und faszinierend sein können. Diese Momente sind es, die deine Begeisterung aufrecht erhalten und dafür sorgen, dass du dranbleibst. Und diese Begeisterung, diese Leidenschaft, ist der Grund, warum wir überhaupt spielen.

 

Ob du nun einfach deine Lieblingssongs nachspielen oder selber Musik komponieren und ein technisch versierter Gitarrist sein möchtest, so gilt das alles zu einem gewissen Grad auch für dich. Abhängig von deinen Zielen musst du eben richtig viel Arbeit investieren oder eben nur viel. Bei all dem darfst du eine Sache aber nie vergessen: fokussiere dich nie vollständig darauf, welches Ziel du durch’s Üben erreichen willst. Den Zeitpunkt, an dem du ,,fertig“ bist, wird es nicht geben, denn auf dem Weg fallen dir sicher noch mehr Dinge ein oder auf, an denen du arbeiten möchtest und solltest. Außerdem kann man alles noch verfeinern. Also mache dir lieber bewusst, dass du dich mit jedem Mal üben verbesserst. Dass diese Zeit, die du gerade mit üben verbringst, sinnvoll ist und dich weiterbringt. Und nicht, wohin es dich bringen soll. Gitarre zu spielen ist eine lebenslange Reise und du solltest vor allem Spaß daran haben zu reisen und zu entdecken und nicht ewig darauf warten, anzukommen. Denn dann wirst du ungeduldig und verpasst diese kleinen schönen Momente, die dich antreiben können.

 

Auch wenn ich das alles hier schreibe behaupte ich nicht, dass ich so frei spielen kann, beim besten Willen nicht. Ich verbringe immer noch vor allem Zeit damit, meine Technik zu verbessern und zu lernen. Trotzdem: je mehr ich übe, desto öfter habe ich diese Aha-Momente und kann mit Dingen experimentieren, deren größerer Sinn mir bewusst geworden ist. Und das ist ein Grund, warum ich so gerne Gitarre spiele.

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