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Warum Auszeiten von der Gitarre okay sind

Wenn man sich diverse Gitarristen so ansieht, stellt man eine Gemeinsamkeit fest: sie sind quasi besessen von dem, was sie tun. Man hat den Eindruck, sie spielen wirklich jeden Tag und das, seitdem sie mit dem Gitarrespielen begonnen haben. Oft haben sie zeitweise sogar etliche Stunden täglich geübt. Das ist natürlich beeindruckend und bewundernswert, aber eben auch einschüchternd und man neigt dazu, sich zu vergleichen. Bin ich ein schlechterer Gitarrist, weil ich nicht jeden Tag spiele? Liebe ich das Gitarrespielen weniger als diese Leute? MUSS ich immerzu spielen, um dem Image gerecht zu werden? Nicht viele Leute sprechen darüber, manchmal hat man schon fast das Gefühl, es wäre ein Tabuthema: aber ja, man verliert auch zeitweise die Lust auf’s Gitarrespielen und muss seine Begeisterung neu entfachen. Und das macht niemanden zu einem schlechteren Gitarristen. Hier möchte ich über solche Phasen in meiner Laufbahn als Gitarristin schreiben.

 

Wer auf seinem Instrument wirklich gut sein möchte, muss täglich spielen. Das müssen nicht etliche Stunden am Stück sein, denn für den Fortschritt ist es ebenso gut, wenn du eine Stunde am Tag spielst und das konstant über viele Jahre. Man kann das sehr gut mit Sport und Fitnesstraining vergleichen, denn auch hier ist es am effektivsten, wenn du jeden Tag ein wenig trainierst statt an ein paar Tagen die Woche übermäßig viel. So bekommen die Muskeln täglich Anreize und du machst über längere Sicht mehr als mit wenigen intensiven Sessions, nach denen du erstmal tagelang Pause brauchst. Und so ist es eben auch im Bezug auf Gitarre: deine Fingerfertigkeit und Technik profitieren mehr davon, wenn du die Muskeln täglich etwas beanspruchst anstatt nur an ein paar Tagen die Woche über viele Stunden. Natürlich solltest du auch wissen, was du üben musst, aber das kannst du dir am besten selbst beantworten. Doch wenn du es ernst meinst mit der Musik, es intensiver als hobbymäßig betreibst und vielleicht sogar professionell machst wirst du Phasen haben, in denen du mal Luft holen musst. So sehr du die Gitarre liebst, du wirst sie mal für eine Weile wegstellen wollen oder müssen. Um dann wieder mit neuem Elan und Feuer an die Sache heranzugehen. Solche Auszeiten können schwierig sein. Ich war schon das ein oder andere Mal verzweifelt oder habe mich immer und immer wieder gefragt, wie ich meine Leidenschaft wiederfinden soll. Gerade Ende 2020 hatte ich wieder so eine Phase. Ich war einfach uninspiriert und hatte neben meiner Arbeit keine Zeit für neuen, kreativen Input. Also habe ich den ganzen Monat über fast gar nicht geübt und nur für meine Videos und im Unterricht gespielt. Ich weiß, dass das Spielen mein Kapital ist, dass ich nicht einrosten sollte…und doch brauchte ich eine Auszeit. Ständig habe ich in dieser Zeit darüber nachgedacht, wie der Funke wieder überspringen könnte, aber es hat nichts gebracht. Dieses Grübeln setzt einen nur noch mehr unter Druck und raubt Kraft. Und daher sollten wir uns alle in solchen Phasen erlauben, mal die Finger von der Gitarre zu lassen. Einfach keine Lust zu haben. Ich persönlich weiß, dass ich immer wieder zur Gitarre zurückfinden werde. Das habe ich in den letzten 14 Jahren jedes Mal getan und es war auch dieses Mal so. Inzwischen übe ich wieder eine Stunde täglich, habe neue Ideen und weiß, woran ich arbeiten möchte. Der Gedanke, alles aufzugeben und mein Equipment zu verkaufen, kommt mir einfach nie in den Sinn. Weil das alles so ein selbstverständlicher Teil meines Lebens ist.

 

Was bringt es dir, wenn du einfach nicht weißt, was du spielen sollst, lustlos bist und dich trotzdem dazu zwingst, die Gitarre in die Hand zu nehmen? Du solltest natürlich unterscheiden können, ob du gerade einfach nur faul oder tatsächlich uninspiriert bist. Denn das ist ein Unterschied und wenn du an einem Tag, an dem du eigentlich lieber faulenzen willst trotzdem Gitarre spielst, wirst du sicher Spaß daran haben. Der Hunger kommt beim Essen. Aber wenn beim Spielen gar nichts aufkommt und es dich mehr frustriert als alles andere, lass es lieber. Man sollte es schon auf eine gewisse Art fühlen, den Impuls haben oder während des Spielens bekommen. Ich zitiere Steve Vai sehr gerne, der Mann sagt einfach so viele schöne und wahre Dinge. In einem Video sagte er, paraphrasiert, dass Leidenschaft nicht unbedingt immer bedeute, dass man starke Gefühlsausbrüche hat und emotional völlig involviert ist. Es könne auch bedeuten, dass man etwas tut und sich dabei denke:,,Ja, das mag ich“. Und auch das ist etwas, was vielleicht der ein oder andere und auch ich akzeptieren muss: nicht jedes Mal, wenn man seine Gitarre in die Hand nimmt und die ersten paar Töne spielt denkt man:,,Wow, geil!“ und fühlt intensiv mit. Oft ist es einfach nur etwas, worauf man sich konzentrieren kann und möchte, etwas, womit man seine Zeit verbringen möchte ohne total wild darauf zu sein. Und bei all den Videos von Gitarristen, die beim Spielen die ganze Zeit mitzufühlen scheinen und ihr Gesicht bei jedem Ton fast schon in Ekstase verziehen, ist es natürlich schwer zu verstehen, warum man genau das jetzt gerade nicht fühlt. Aber so ist es eben. Dafür erlebe ich persönlich immer wieder schöne Momente, in denen ich mich der Gitarre sehr verbunden fühle, in denen ich weiß:,,Das ist mein Instrument“. Momente, in denen ich wirklich jeden Ton fühle. Und dann kann ich mich verlieren und die Zeit vergessen. Aber das ist eben nicht immer so. Und ich denke, dass ich und auch du, falls du das nachempfinden kannst, das Gitarrespielen nicht so sehr zu schätzen wüsste, wenn es ständig so wäre. Denn das Leben hat nunmal Aufs und Abs und nur durch die Balance von beidem können wir Dinge schätzen lernen und merken, was schön ist und was nicht. Daher sollten wir schöne Dinge nicht mit zu viel Druck und ungesundem Ehrgeiz belasten. Denn erst, wenn man sich auch mal Auszeiten erlaubt, hat man langfristig Spaß am Spielen und kann ernsthaft an seinem Fortschritt arbeiten.

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