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Gedanken, die dir das Gitarrespielen kaputtmachen

Unsere Gedanken haben einen großen Einfluss auf unsere Gefühlswelt, unser Verhalten und unseren Umgang mit anderen Menschen. Sie können uns antreiben oder lähmen. Steve Vai sagte mal so schön und treffend: ''The only thing that's holding you back, is the way you're thinking'' (,,Das Einzige was dich zurückhält, ist deine Art zu denken.“). Wir schieben die Schuld gerne auf andere oder äußere Umstände, aber oft sind wir es selbst, die uns im Wege stehen. In meinem Video Die großten Fehler, die Gitarristen machen habe ich über Denkweisen gesprochen, die deinen Fortschritt beim Spielen behindern können und möchte in diesem Artikel auf drei Punkte noch ein bißchen mehr eingehen bzw sie ergänzen.

 

,,Ich bin besser als du"

Er ist schon ein Stereotyp: der egozentrische Gitarrist, die Rampensau, die von der Bewunderung anderer lebt.Wie oft habe ich tatsächlich schon erlebt, dass Gitarristen sich über andere gestellt haben, weil sie besser spielen können. Oder wie oft habe ich erlebt, dass jemand unbedingt recht behalten wollte oder meinte, es besser zu wissen als andere. Und ja, das Wettbewerbsdenken wird uns schon in der Schule durch Noten eingetrichtert und zieht sich durch's ganze Leben. Aber Gitarrespielen ist nunmal etwas Schönes, eine Kunstform, in der solche Gedanken nichts zu suchen haben. Wenn man Stars wie Steve Vai und Joe Satriani reden hört, erkennt man eine Gemeinsamkeit: sie sind bescheiden. Keiner von ihnen würde auf die Idee kommen, sich aufgrund seiner Gitarrenskills für was Besseres zu halten. Oder andere runterzumachen, weil diese nicht so gut sind. Sie spielen Gitarre, um sich auszudrücken und sehen es nicht als Wettbewerb. Und sie sind demütig genug, die Fähigkeiten anderer anzuerkennen und offen dafür zu sein, dazuzulernen. Das ist genau das, was Meisterhaftigkeit ausmacht: trotz allem, was man erreicht hat mit sich selbst und seiner Unwelt im Reinen zu sein, Von übermäßigem Ego und Arroganz ist da nichts zu erkennen. Und das ist etwas, was so einige von den Großen lernen können.

 

Wenn du ständig denkst, etwas Besseres zu sein, ist das Gift, für dich und für andere, wenn du dich entsprechend äußerst. Wenn dein einziger Antrieb für's Gitarrespielen dein Ego ist, wird dir auf Dauer alles leer und bedeutungslos vorkommen. Das tolle Gefühl, für etwas bewundert zu werden, hält nämlich nicht ewig und irgendwann ist es Gewohnheit, nichts Besonderes mehr. Und was bleibt dann? Wenn du dann erst merkst, dass du dich mit der Gitarre nicht auszudrücken weißt, weil du bisher nur beeindruckende Kunststückchen vollführt hast, fehlt erstmal der Sinn darin, überhaupt zu spielen. Und noch schlimmer ist es, wenn du andere runtermachst, weil du meinst sie spielen schlecht. Was du mit deiner Erfahrung in kürzester Zeit hinkriegst, ist wahrscheinlich etwas, woran jemand anderes sehr lange gearbeitet hat, der noch nicht so weit ist. Aber es ist ein Entwicklungsschritt dahin, wirklich gut zu werden. Destruktive Kritik oder hämische Kommentare können dann dafür sorgen, dass jemand anderes den Mut verliert, überhaupt weiter zu spielen und zu üben. Und ich glaube, damit kann sich niemand gut fühlen, der gerne blöde Kommentare abgibt. Ich persönlich finde es auch schöner, Leuten etwas Positives zu geben und sie zu bestärken. Aber ich weiß auch, dass das (leider) nicht jeder so empfindet.

 

,,Warum bin ich nicht so gut wie...?"

Vorbilder zu haben ist gut, ihnen nachzueifern auch. Dennoch sollten deine Helden dir eher als Inspiration dienen und du solltest nicht krampfhaft darauf hinarbeiten, sie zu kopieren. Denn irgendwann wirst du auf dem Weg merken, dass es dir gar nicht möglich ist, so gut zu werden und das kann zu viel Frustration führen. Und sogar dazu, dass du gar keine Lust mehr hast zu spielen oder keinen Sinn darin siehst, weil du dein vermeintliches Ziel eh nicht erreichen kannst. Letztendlich solltest du dich darauf konzentrieren deinen Stil zu finden und zu verfeinern, damit du die Gitarre mit deiner Stimme sprechen lassen kannst. Wenn du dabei ein paar Zitate von deinen Idolen mit einfließen lässt, ist das etwas Gutes und etwas, was viele andere auch tun. Und Licks und Songs nachzuspielen, kann ein wichtiger Antrieb für dich sein und dir helfen, immer besser zu werden. Aber mach dich nicht fertig, weil du nicht so gut bist wie jemand anderes. Denn du bist nicht so gut wie Gitarrist x, weil du auf DEINE ART gut bist. Und das bereichert die Musikwelt mehr als der Klon einer der Virtuosen.

 

,Ich darf keine Fehler machen/alles muss perfekt sein"

Gerade in Zeiten, wo jeder ein Musikkrtitiker ist oder Internettrolle sich unter Youtubevideos auslassen, ist es schwierig, nicht perfektionistisch zu sein. Jeder Ton muss sitzen und dabei soll es natürlich so aussehen, als wäre das, was du spielst, überhaupt kein Problem für dich und als ginge es dir leicht von der Hand. Auch ich bin da sehr penibel und habe früher unendlich viele Takes für etwas aufgenommen, weil ich nie zufrieden war. Und das ist eine Falle, in die du nicht geraten solltest. Letztendlich führt das nämlich dazu, dass du gar keine Lust mehr hast, überhaupt was aufzunehmen. Und im schlimmsten Falle sogar dazu, dass du gar nicht mehr spielen möchtest. Wenn du akzeptierst, dass du Fehler machst, spielst du definitiv besser weil entspannter. Und wenn dann ein Fehler drin ist, ist es eben so. Den meisten Leuten wird er nicht auffallen oder es wird sie nicht stören und was die Trolle sagen, sollte dich sowieso nicht interessieren. Denn egal wie gut du spielst, sie werden immer irgendetwas finden, was ,,schlecht“ ist.

 

Natürlich ist eine gewisse Selbstkritik auch gut, denn wenn wir unsere Fehler nicht bemerken, können wir auch nicht an uns arbeiten und besser werden. Außerdem sollte man nicht alles der Welt zugänglich und sich angreifbar machen, indem man jeden seiner Entwicklungsschritte dokumentiert und präsentiert. Zwar kann da auch eine gewisse Absicht hinterstecken, aber die sollte man auch deutlich machen. Ein Video davon, wie du deine ersten Dinge auf der Gitarre mühselig lernst (und für die allermeisten ist es am Anfang mühselig), solltest du dennoch allenfalls deinem Gitarrenlehrer zeigen, damit er dir zusätzliche Tipps geben kann. Oder es für dich aufbewahren um später zu sehen, was für Fortschritte du seitdem gemacht hast. Im Internet hat so etwas aber nichts zu suchen, da sich irgendjemand bestimmt darauf stürzen wird. Und davon solltest du dir den Spaß und die Motivation am Spielen nicht nehmen lassen.

 

Ich denke, Gitarre spielen ist etwas, das einen auch persönlich weiterbringt. Wenn du Gedanken erkennst, die dich in deinem Spiel bremsen, wirst du auch negative Denkweisen erkennen lernen, die dich im Alltag stören. Es ist sehr viel Arbeit und du wirst dich jeden Tag daran erinnern müssen, dass bestimmte Gedanken nicht gut für dich sind, aber letztendlich wird es dir helfen, deinen Frieden mit dir selbst zu machen. Genauso, wie das Schreiben mir dabei hilft. Denn auch ich muss mich jeden Tag an all das erinnern, was ich sage und schreibe, aber ich weiß: ich bin für Menschlichkeit, respektvollen Umgang und dafür, dass jeder seine Erfüllung darin findet, sich mit seinem Instrument auszudrücken.

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