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Die Magie der Dynamik

Das Thema Dynamik ist meiner Meinung nach eines, das oftmals unterschätzt wird und nur wenig Beachtung findet. Dabei kann es enorm wirkungsvoll sein, z.B. die Lautstärke in einem Song mal zurückzunehmen und die Saiten nur ganz sanft anzuschlagen. Gerade, wenn dann wieder ein lauter Teil kommt, erzeugt das sehr viel Spannung und Variation, und das ohne ein Feuerwerk an Spieltechniken oder ein Pedalboard zu bemühen, das die halbe Bühne ausfüllt 😉 . In meinem Unterricht hatte ich den ein oder anderen Schüler, dem das Konzept der Dynamik noch nicht bekannt war und der ein Aha-Erlebnis hatte, als wir damit gearbeitet haben. Deswegen und weil es ein wichtiges Thema ist, möchte ich es dir heute erläutern.

 

Um mit Dynamik zu arbeiten, brauchst du, wie gesagt, kein zusätzliches Equipment. Ein Sinn für den passenden Moment, eine gute Kenntnis des Songs/Songtextes und Gefühl reichen aus. Wenn du mit Plektrum spielst, empfiehlt sich eins in Medium. Ein dünnes Plektrum gibt zu sehr nach und du kannst damit die Lautsärke nicht so gut variieren, ähnlich bei einem Plektrum über 1mm Stärke, wobei das wiederum zu wenig nachgibt.

 

Ich möchte dir die Konzepte anhand einer einfachen Akkordfolge mit G und Cadd9 zeigen:

Den Anschlagsrhythmus kannst du selbst bestimmen, aber als Anregung kann dir die Begleitung aus meinem Video dienen. Der Rhythmus sieht ausnotiert so aus:

Nun beginnst du bei normaler Lautstärke und wirst nach und nach leiser, und zwar so leise wie möglich. Dieses Prinzip kannst du z.B. in der Bridge eines Songs anwenden, wenn die anderen Instrumente weniger oder gar nicht spielen und du vielleicht sogar allein den Gesang begleitest. Wenn du leise spielen möchtest, ist es hilfreich, wenn du das Plektrum lockerer hältst und kleinere Anschlagsbewegungen machst. Du musst also nicht alle Saiten anschlagen, drei oder vier reichen. Natürlich am besten die tieferen als die ganz hohen Saiten, da tiefere Töne für den Hörer nunmal leiser klingen als hohe. Auch erzielst du einen weicheren Anschlag, wenn du das Plektrum stärker neigst, also beim Abschlag mit der Spitze zu dir hin und beim Aufschlag mit der Spitze zum Boden geneigt. Wenn du wieder lauter spielen möchtest, hältst du das Plektrum dann wieder etwas fester und schlägst mehr Saiten an. Spielst du Fingerstyle, solltest du leise Stellen mit Daumenanschlag spielen. Am besten schlägst du mit der Seite deines Daumens an, also mit der Haut. Auch hier nimmst du nur drei der tieferen Saiten mit. Wenn du laut spielen möchtest, erzielst du mit den Fingernägeln die besten Ergebnisse. Achte, wie eigentlich immer, auf ein lockeres Handgelenk! Je entspannter deine Muskulatur ist, desto leiser kannst du auch anschlagen.

[Zusatztipp]: Auch Palm Muting, also das Abdämpfen der Saiten mit dem Handballen der Schlaghand, sorgt für leise Töne. Arbeite zusätzlich zu den o.g. Tipps auch mal damit!

 

Umgekehrt kannst du natürlich auch allmählich lauter werden. Du solltest es mit der Anschlagsstärke aber nicht übertreiben, da ein zu fester Anschlag für scheppernde Saiten sorgt 😉 . Fange lieber etwas leiser an als normal und steigere dann die Lautstärke. Denkbar wäre dieses Konzept für den Anfang eines Songs, der im ersten Vers langsam lauter wird.

 

Nicht nur Lautstärke, sondern auch Geschwindigkeit erzeugt Dynamik. Im Outro eines Songs ist es beispielsweise nicht unüblich, dass das Tempo nach und nach verringert wird, bis der letzte Akkord ausklingt. Probiere das doch mal mit unserer Akkordfolge aus! Du solltest hier auf dein Gefühl vertrauen und dich nicht vom Metronom abhängig machen. Im Bandkontext wird einer der Musiker das Tempo vorgeben und die anderen ziehen mit. Wenn du beim langsamer werden auch gleichzeitig immer leiser spielst, ist der Effekt besonders schön.

 

Natürlich kannst du auch das Tempo steigern, etwa im letzten Chorus eines Songs, wenn das Ganze nochmal richtig Fahrt aufnehmen soll. Achte darauf, dass beim hohen Tempo deine Muskulatur nicht verkrampft! Bei der Geschwindigkeit ist das Handgelenk deiner Schlaghand besonders wichtig. Dieses sollte ganz locker und gleichmäßig im Rhythmus (beispielsweise in Achteln oder Sechzehnteln, je nachdem, welches der kleinste Notenwert im Anschlagsmuster ist) schwingen, denn es ist der Motor und damit steuerst du, wie schnell oder langsam dein strumming ist. Wenn du mit verschiedenen Anschlagsmustern bereits vertraut bist, weißt du auch, dass du Luftschläge machst, also über die Saiten hinweg schwingst, wenn sie nicht angeschlagen werden sollen. Im hier gezeigten Anschlagsmuster wäre das bei den Zählzeiten 1+, 2+ und 3 der Fall.

 

Natürlich müssen die Übergänge nicht immer graduell erfolgen. Gerade bei der Lautstärkeveränderung kann es auch gut klingen, wenn du auf einmal lauter oder leiser wirst. In der klassischen Musik hört man so etwas häufig, als erstes Beispiel fällt mir direkt Vivaldis Stück Die vier Jahreszeiten ein. Auch bezieht sich das Thema Dynamik nicht ausschließlich auf die Rhythmusgitarre. Wenn du ein Solo spielst, kannst du ebenfalls mit verschiedenen Lautstärken arbeiten oder lang gehaltene Töne mit schnellen Läufen abwechseln. Wenn du noch gar nicht mit Dynamik gearbeitet hast, kannst du dir die Konzepte anhand einer Akkordbegleitung aber deutlicher machen, als wenn du einzelne Töne spielst.

 

Ich hoffe, ich konnte dich inspirieren, dein Spiel etwas mehr zu variieren. Wenn du Dynamik integrierst, wirst du feststellen, wie viel lebendiger und spannender die Songs klingen, die du spielst. Dabei ist es unwichtig, ob du gerade deine ersten Akkorde gelernt hast oder schon länger spielst. Experimentiere ein wenig herum und lerne, diese Konzepte ganz selbstverständlich anwenden zu können. Je früher du das machst, desto besser 😊 .

 

Schau dir auch das Video zu diesem Artikel an, um die hier genannten Beispiele in der Praxis zu sehen/hören:

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