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Das Leben als Musiker mit Sehbehinderung

Grüne E-Gitarre in Les Paul-Bauweise, über deren Korpus eine Blindenarmbinde hängt

Ich habe es im ersten Beitrag hier schonmal erwähnt: meine Augen sehen anders als die der meisten Leute. Der Grund dafür ist eine genetisch bedingte, seltene Netzhauterkrankung namens Retinitis Pigmentosa, durch welche sich mein Sehen allmählich verschlechtert, sehr wahrscheinlich bis zur kompletten Erblindung. Im Moment ist mein Gesichtsfeld eingeschränkt und ich habe eine Rundumsicht von 10-20 Grad auf jeweils einem Auge: Tunnelblick. Ich sehe also nicht, wenn mir jemand die Hand gibt, während ich ihm ins Gesicht schaue oder wenn etwas von den Seiten oder oben kommt. Außerdem bin ich nachtblind und blendempfindlich, sehe Kontraste schlecht. Auch manche Farben kann ich schlecht voneinander unterscheiden wie blau und grün oder pink und orange. Wie schnell es schlechter wird, kann mir niemand sagen und eine Heilung oder Therapie gibt es nicht. Also nutze ich die Zeit, in der ich noch einigermaßen gut sehen kann, und mache so viel wie möglich.

 

Wie sieht der Berufsalltag nun aus, so als Musikerin, Gitarrenlehrerin, Youtuberin und Creator (gibt's dafür eine weibliche Form 😉) ? In diesem Artikel möchte ich dir einen Einblick in meine Arbeitsweise und meinen Umgang mit der Sehbehinderung geben.

 

Wie ich…

 

Unterrichte

Der Gitarrenunterricht findet in vertrauter Umgebung in meinem Homestudio statt. Entsprechend kenne ich mich aus und es gibt keine unerwarteten Hindernisse, die ich umrennen könnte 😉 . Ob meine Schüler richtig greifen und spielen, kann ich gut genug sehen und auch hören. Ebenso höre ich, ob die Gitarre meines Schülers stimmt, denn die Displays mancher Stimmgeräte kann ich nicht gut lesen. Noten kann ich mit Brille lesen und bereite diese vorher am Rechner vor. Mit vergrößerter Schrift, Zoomfunktion und Blaufilter, damit mich der weiße Hintergrund der meisten Programme nicht so sehr blendet.

 

Bilder, Audio und Videos bearbeite

Auch hier helfen mir die windowseigenen Mittel zur erleichterten Bedienung. Meine Darstellung auf dem Monitor ist auf 150% vergrößert, der Cursor invertiert und auf die dritte Größe eingestellt und wenn ich ganz kleine Sachen oder Feinheiten erkennen muss, hilft mir die Bildschirmlupe. Mein Monitor ist entsprechend groß, 32 Zoll mit einer Standardauflösung von 1920x1080 px und geringer Pixeldichte. Anders ginge es auch nicht. Außerdem bin ich sehr dankbar für den dunklen Modus in Windows 10, in dem alle Titelleisten und Fenster einen schwarzen Hintergrund mit weißem Text haben. Glücklicherweise haben auch das Bildbearbeitungsprogramm meiner Wahl Gimp, Shotcut für die Videobearbeitung sowie meine DAW Cubase dunkle Benutzeroberflächen. So komme ich ganz gut zurecht. Es mag sein, dass sich hin und wieder kleine Fehler und Unsauberkeiten einschleichen, die ich nicht gesehen habe. Aber ich arbeite immer gründlich und überprüfe mit Zoom und Bildschirmlupe, ob alles so ist, wie ich es haben will. Und wenn dann doch noch Kleinigkeiten falsch sind, ist es eben so.

 

Live zurechtkomme

Das ist meist die größte Herausforderung. Oft ist es zu dunkel für mich, aber wenn eine Reihe Scheinwerfer von vorne auf die Bühne strahlt und nicht nur rotes oder blaues Licht spendet, geht es. In der Vergangenheit habe ich vorher mit den Technikern kommuniziert, sofern es ging, und beim Soundcheck auch das Licht getestet. Mein Pedalboard habe ich mit LED-Streifen beklebt, damit ich es auf der dunklen Bühne finde. Wenn ich mich bewege bzw. performe, bleibe ich auf der Stelle und laufe nicht über die Bühne, das wäre ungünstig 😉 . Was das Spielen angeht, bin ich leider noch mehr von meinem Sehvermögen abhängig, als ich es sein müsste. Bei entsprechender Beleuchtung sehe ich die Bünde und Bundmarkierungen meiner Gitarre gut genug und inzwischen habe ich auch meine Ibanez mit fluoreszierenden Bundmarkierungen, die im Dunklen leuchten. Die habe ich aber noch nicht im Ernstfall getestet. Natürlich weiß ich auch, dass ich daran arbeiten sollte, blind spielen zu können.

Beim Aufbau helfen mir meine lieben Bandkollegen von Amentia und mein Freund. Gerade, wenn es schnell gehen muss, bereite ich aber auch Sachen vor wie z.B. das Verkabeln meiner Pedale.

 

Mir haben durchaus schon Leute gesagt, dass das mit der beruflichen Selbstständigkeit aufgrund meiner Einschränkung zu unsicher wäre. Aber ich möchte eben genau das machen und solange es geht, mache ich auch alles selbst. So kann ich mich kreativ ausleben und einen gewissen Stil entwickeln, den dann jemand anderes für mich übernehmen kann, wenn ich z.B. Bild- und Videobearbeitung übergeben muss. Ich hoffe aber, dass es noch einige Jahre so geht wie bisher. Auf meinem Weg zur Berufsmusikerin musste ich so viele Hindernisse umgehen oder überqueren, da hält mich ein Paar schlechter Augen nicht auf 😊 .

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