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Corona, der Musikerberuf & dessen Wertschätzung – meine Erfahrungen

Musiker in der Coronakrise - mein Erfahrungsbericht

,,Dass vonseiten der Politik keine Wertschätzung gezeigt wird, scheint mir auch etwas mit dem deutschen Verständnis von Kunst zu tun zu haben. Es wird nicht wahrgenommen, dass es sich dabei um ein Handwerk handelt, das für die Ausführenden Disziplin und Entbehrung bedeutet. Von vielen Menschen wird diese Szene für etwas gehalten, die von ein paar Freaks am Laufen gehalten wird, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und sich selbstverwirklichen wollen.“

     - Florian Schröder im web.de-Interview

 

Ein sehr schönes Zitat von Kabarettist Florian Schröder, das meine Eindrücke bestätigt. Ich möchte nicht jammern oder eine Sonderstellung in der Gesellschaft, aber tatsächlich bin ich doch wirklich enttäuscht, wie wenig Wertschätzung Musikern zum Teil entgegengebracht wird. Dass Leute nicht bereit sind, Geld für ein Streamingkonzert zu bezahlen, nur, weil es im Vorfeld aufgezeichnet wurde (zuletzt mitbekommen in der Diskussion um das Evanescencekonzert am 5.12.). Nun, die Möglichkeiten durch Corona sind eben eingeschränkt. Und auch, dass Leute möglichst wenig für Gitarrenunterricht ausgeben wollen, weil sie es ,,ja nur mal ausprobieren“ möchten. Wie wenig einige Nicht-Musiker verstehen, dass man eben nicht den ganzen Tag sein Instrument spielt und kein unbeschwertes Leben führt. Vielleicht war ich zu naiv, aber bevor ich Vollzeit in den Beruf eingestiegen bin, habe ich schon gedacht, dass die Leute zumindest wissen, was da an Arbeit hintersteckt. Ich habe früher nie angezweifelt, dass es bei meinen Gitarrenlehrern so war.  Viele denken aber, als Musiker hat man ja auch viel Freizeit – denn das was man da beruflich macht, ist doch Freizeit. Also ich arbeite oft 10 Stunden am Tag, doch dabei dudel ich nicht die meiste Zeit fröhlich auf meiner Gitarre herum. Ich mache inzwischen so viel anderes, dass ich zunehmend weniger zum Gitarrespielen komme. Eigentlich übernehme ich eine ganze Menge an Arbeiten, die normal auf mehrere Mitarbeiter in einem ganzen Unternehmen aufgeteilt würden. So mache ich die Bild-, Video- und Audiobearbeitung für meine Inhalte, die Pflege meiner Profile auf den sozialen Medien (vornehmlich Instagram) und Verwaltungskram wie Rechnungen schreiben selbst. Dazu natürlich noch die Beiträge auf diesem Blog und noch einiges mehr. Ich habe schon lange keine Zeit mehr gehabt, zu komponieren, weil ich versuche, mir ein Publikum auf den sozialen Medien aufzubauen – um gesehen/gehört zu werden, an Jobs zu kommen, auf lange Sicht daraus Einkommensströme zu generieren. Und auch, weil ich es gern mache, denn es ist ja auch eine Art kreativ zu sein. Außerdem versuche ich dadurch auch mehr Zeit für Kreativität und eine gewisse Freiheit zu erlangen um dann wieder mehr Musik komponieren und machen zu können. Und das geht eben nur, wenn ich dadurch irgendwann Einkommen erzielen und mir erlauben kann, ins ein oder andere Standbein weniger Zeit zu investieren.

 

Dazu kommt natürlich der Unterricht, der momentan mein einziges finanzielles Standbein ist. Auch wenn ich gerne unterrichte, so opfere ich dafür natürlich auch immer Zeit, in der ich Musik machen oder produzieren und Gitarre üben könnte. Und durch Corona läuft der Unterricht momentan auch eher schleppend, weil ich während des Lockdowns nur online unterrichten möchte. Allein deswegen, weil ich mehrere Personen in der Familie habe, die zur Risikogruppe gehören und die ich an Weihnachten sehen möchte. Leider will sich bei weitem nicht jeder auf Skypeunterricht einlassen, weil das ,,kein richtiger Unterricht“ sei. Obwohl es seit Frühjahr erst mit der Hälfte meiner Schüler und nun mit allen prima funktioniert. Und so bleiben Neuanfragen gerade aus, weil viele auf bessere Zeiten zu warten scheinen. Für mich wäre es natürlich wesentlich hilfreicher, wenn diese Leute den Unterricht über Skype schonmal aufnehmen würden, denn persönlich wird es ja wieder möglich sein, sobald sich die Lage bessert. Klar, es gibt auch genug Leute, die in dieser Krise beispielsweise durch Kurzarbeit selber finanzielle Probleme haben und sich den Unterricht nicht leisten können. Mir ist z.B. auch jetzt erst ein Schüler abgesprungen, der als Student seinen Job verloren hat, weil sein Arbeitsplatz Anfang November im Zuge des Lockdowns geschlossen wurde.

 

Was vielleicht auch viele denken:,,Aber es gibt doch Soforthilfen für Künstler“. Dass diese nicht wirklich helfen und gerade für Freiberufler schwer zu erreichen sind, kann man häufig lesen, wenn man mal googelt. Die Novemberhilfe ist für mich persönlich auch nicht wirklich hilfreich, da ich erst letztes Jahr um diese Zeit Vollzeit in den Beruf eingestiegen bin und zum damaligen Zeitpunkt nur wenige Schüler hatte. Die 75 % von meinem Gehalt im November 2019 sind also nur ein kleines Taschengeld, für das sich der bürokratische Aufwand nicht lohnt. Und jetzt? Ich bekomme aufstockende Leistungen vom Jobcenter, das ich aber fortwährend im Nacken wähne. Und ich weiß nicht, wie lange die Mitarbeiter dort noch warten werden, bevor sie mir sagen, dass das mit meinem Unternehmen ja durch Corona aussichtlos sei und ich doch beruflich was anderes machen müsse. Das ist natürlich eine Unsicherheit, die mich belastet. Ganz zu schweigen davon, dass aufgrund mangelnder Organisation dort schon viele Probleme und unnötiger Stress für mich entstanden sind. Zumal ich, als Berufsanfänger, völlig unverschuldet und überraschend in so eine Situation wie jetzt gekommen bin. Anfang des Jahres hatte ich 13 regelmäßige Schüler und wöchentlich neue Anfragen. Das alles ist mir durch den Lockdown im Frühjahr bis auf vier Schüler fast komplett weggebrochen. Weil ich nur über Skype unterrichten konnte. Letztendlich hat nur ein Schüler den Unterricht während der Kontaktbeschränkungen online fortgesetzt, die anderen kamen danach wieder persönlich vorbei. Bis November habe ich mir ungefähr die Hälfte der Schüleranzahl vom Jahresanfang wieder aufgebaut, die ich jetzt auch halten konnte. Immerhin. Aber es müsste natürlich mehr sein, um davon ohne Stütze leben zu können.

 

Ich habe schon öfter gelesen, dass es hieß:,,Geh mal richtig malochen“ oder ,,Das mit der Musik funktioniert jetzt eben nicht mehr.“ Nun, ich denke, dass jeder sen Leben so führen sollte, dass er glücklich ist. Denn nur so kann man auch ein wertvoller Teil der Gesellschaft sein, der dem ein oder anderen etwas Positives geben kann und nicht als verbittertes Individuum durch die Gegend läuft, das andere auf eine gewisse Art mit in die Misere zieht. Und auch wenn meine Situation als Berufsanfängerin in der Pandemie für viele ein Grund wäre, alles hinzuschmeißen – ich tue es nicht. Weil ich trotz allem mein Leben voll und ganz der Musik widmen möchte. Und weil ich denke, dass wir uns alle mit dieser Situation arrangieren können und müssen, neue Möglichkeiten finden, weiterleben. Denn Corona wird vermutlich noch lange ein alltägliches Problem sein – wenn nicht sogar immer. Wie die Grippe auch. Also: arrangiere dich damit, lebe verantwortungsbewusst und rücksichtsvoll….und bleib gesund!

 

Als kleiner Nachtrag: ich weiß auch, dass es Leute gibt, die Kunst und Kultur zu schätzen wissen und die verstehen, was dahintersteckt, ich kenne sogar welche. Daher möchte ich hier nicht pauschalisieren und gebe nur eigene Erfahrungen wieder. Dieser Artikel soll lediglich darüber aufklären, wie das Leben als Musiker gerade so aussieht und so manch einen zum Umdenken bewegen…hoffentlich.

 

Ein weiteres interesssantes Interview zum Thema mit Jan Zehrfeld von Panzerballett gibt es hier: Backstage Pro

 

Quelle Virengrafik im Titelbild:  pngtree.com

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